Bremerhaven Stipendium

Annika Kahrs

 

Annika Kahrs verschränkt in ihren Arbeiten unterschiedliche Medien wie Film, Installation und Performance. Oftmals entstehen Inszenierungen, die zwischen Fiktion und Wirklichkeit oszillieren. Ihre Arbeiten relativieren auf subtile Weise die Autorenschaft und stehen dem hehren Künstlerideal der Avantgarde, ihrem Pathos und Geniekult skeptisch gegenüber. Kahrs bezieht Ko-Autoren in den Werkprozess mit ein und scheint die Fäden aus der Hand zu geben, agiert aber um so wirkungsvoller im Hintergrund. Für die Arbeit „Strings” bat sie ein Streichquartett Beethoven zu spielen. Die Musiker mussten nach einigen Takten die Plätze tauschen und die Instrumente wechseln. Außerhalb ihrer festen Ordnung und gewohnter Strukturen degenerierte das harmonische Spiel am Ende zu einer kläglichen wie heiteren Katzenmusik. In der Videoarbeit „Playing to the Birds” (2013), die sich auf die Vogelpredigt des Heiligen Franziskus bezieht, spielt ein Pianist Franz Liszts Klavierstück Légende No 1, umgeben von Vogelkäfigen mit Zebrafinken, Wellensittichen und Kanarienvögeln. Das anspruchsvolle Stück wird nicht dem üblichen Publikum dargeboten, vielmehr hat eine bunte Vogelwelt die Rolle der Zuhörer übernommen, um der Interpretation ihrer eigenen Sprache zu lauschen. So wird die Musik an die ursprünglichen Adressaten zurückgegeben. Zum Thema Bremerhaven und Seefahrt hat sie für ihre Einzelausstellung in der Kunsthalle Bremerhaven das Projekt „Lines” entwickelt, das gemeinsam mit Seeleuten in der örtlichen Seemannsmission entstand. Sie hat dort die Seeleute gebeten, Pläne ihrer Häuser bzw. Wohnungen aus der Erinnerung zu zeichnen. Die Seeleute haben mal gekonnt, mal unbeholfen zu Papier gebracht, was ihnen gerade wichtig war. Sei es der Fernseher, die Farbe der Wände oder die bevorzugten Plätze der Haushunde. Diese Zeichnungen hat Annika Kahrs am PC in formale Grundrisse übertragen, auf riesige Bahnen geplottet und als Digitaldrucke wandfüllend auf Einzelbahnen in den großen Raum der Kunsthalle gehängt. Die Wohnungen scheinen auf den Plänen fast leer. Hier und dort kann der Betrachter die Lebensverhältnisse der Seeleute ansatzweise rekonstruieren. Zum Beispiel erfährt man von „Paolo’s Home”, dass er über einen Gebetsraum verfügt, in dem eine Buddhastatue steht, sowie einen „Master Bedroom” und „Maungs’s Home” sogar über zwei, aber Frau und Kinder bewohnen separate Schlafzimmer. Diese Arbeit hat Annika Kahrs der Seestadt vermacht.

Annika Kahrs
2014

Geboren 1984 in Achim

2005 - 2012 Studium der Freien Kunst an der Hochschule für bildende Künste Hamburg

2008 - 2009 Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien

2004 - 2005 Studium der Freien Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig

Lebt und arbeitet in Hamburg

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